Landesverbandsschauen

Landesverbandsclubschauen

Besucher seit 11.06.2004

6963796
Gäste Heute:
Gäste Gestern:
Gäste diese Woche:
Seitenaufrufe d.Woche:
Besucher d.Monat:
Besucher l. Monat:
Besucher Gesamt:
1508
3321
37016
5439857
80597
109187
6963796

FB - Haltungs- und Stallhygiene bei Rassekaninchen

 

 

 


 

Haltungs- und Stallhygiene bei Rassekaninchen

 

Einleitung

In der einschlägigen Literatur sind Ausführungen zu oben genanntem Thema häufig nur Randbemerkungen. Sauberkeit und Ordnung, Pflege und Hygiene sind offenbar Selbstverständlichkeiten, die der versierte Züchter doch sicher beherrscht, und deshalb braucht man darüber eigentlich kaum Worte zu verlieren. Hygiene rückt immer dann in das Interesse der Öffentlichkeit, wenn weltweite Pandemien wie SARS, Vogelgrippe oder Schweinegrippe die Medien beherrschen. Dann werden Hygieneschutzmaßnahmen wie Mundschutz, Quarantäne, Meidung von Menschenmassen und Impfungen plötzlich zum Thema.


 

Grundlagen:

Was für die Humanhygiene gilt, ist für die Veterinärhygiene von identisch gleicher Bedeutung. Wer nämlich die Disposition der Kaninchen für Erkrankungen des Darm- und Atmungstraktes kennt und sich mit den Ursachen dieser Krankheiten gründlich auseinandergesetzt hat, weiß welche herausragende Bedeutung Hygienemaßnahmen für die Vorbeugung besitzen.



 

Hygiene ist nichts anderes als die Lehre von der Gesundheit.


 

Das Tierschutzgesetz in letzter Fassung vom 15.07.2009 gibt im § 2 (Tierhaltung) die Kriterien vor, die zu einer tierart- tierschutz- und verhaltensgerechten Tierhaltung gehören. Hier ist von angemessener Ernährung, Pflege und Unterbringung sowie artgemäßer Bewegungsfreiheit die Rede. Der Tierhalter muss für diese Belange die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen.

 

In § 2 a wird eine Ermächtigungsgrundlage formuliert, die es ermöglicht, besondere Vorschriften hinsichtlich der

 

1. Bewegungsmöglichkeiten

2. Räume, Käfige und Behältnisse

3. Lichtverhältnisse und Raumklima

4. Pflege und Überwachung

5. Sachkunde des Tierhalters

6. Tiertransport und Behältnisse für Tiere

festzulegen.

 

Für die herkömmliche Hobbykaninchenhaltung und die gewerbliche Kaninchenhaltung gibt es eine solche gesetzliche Verordnung auf Bundesebene nicht. Deshalb können auch auf Länderebene präzise gesetzliche Bestimmungen nicht erlassen werden.

Da die Mastkaninchenhaltung in den letzten Jahren sehr im Fokus tierschutzrechtlicher Kritik stand, war es mehr als notwendig, dass die deutsche Gruppe der World Rabbit Science Assossiation (WRSA) und der DLG-Ausschuss für Kaninchenzucht und -haltung am 09.05.2007 Leitlinien zu Mindeststandards bei der Haltung von Hauskaninchen verabschiedet haben.

Im März 2009 hat dann der Arbeitskreis 1 (Nutztierhaltung) der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) seinerseits Leitlinien für die herkömmliche wie auch die intensive Kaninchenhaltung verabschiedet. Absicht dieser Gruppe unter Vorsitz von Dr. Dr. Bodo Busch war es, Anforderungen gemäß §2 des TSchG zu formulieren und gleichzeitig den für den Vollzug des Tierschutzgesetzes zuständigen Behörden einen Maßstab zur Beurteilung von Kaninchenhaltungen zu geben.

 

Hier möchte ich hervorheben, dass beide Leitlinien lediglich gutachterliche Stellungnahmen namhafter Wissenschaftler und anderer sind, also nicht den Rang eines Gesetzes, einer Verordnung oder eines Erlasses darstellen.

 

An dieser Stelle möchte ich auf zwei Vorgänge verweisen, in denen langjährige Rassekaninchenzüchter wegen ihrer Kaninchenhaltung Probleme mit den zuständigen Ordnungsbehörden bekamen. Dabei sind Ordnungsverfügungen mit Anordnung der sofortigen Vollziehung unter Androhung von Zwangsgeld ergangen. Im zweiten Fall wurde die tierschutzgerechte Anpassung der Tierhaltung gefordert. Im ersten Fall ging es um stallklimatische Probleme, im zweiten Fall in erster Linie um die Boxengröße und um das Spielmaterial für Kaninchen. - Alles auf der Grundlage der TVT. In beiden Fällen war ich Berater bzw. Gutachter und konnte feststellen, wie angreifbar Rassekaninchenzüchter sein können, wenn sie nicht über ausreichende Kenntnisse und Wissen verfügen und speziell auch nicht den Umgang mit Behörden verinnerlicht haben. So schrieb mir seinerzeit der Zuchtfreund Bernhard Graf aus Rheinland-Pfalz (Mitglied der Standardkommission) am Ende des zweiten Falles:

„Mein Fazit aus dem Erlebten ist, dass wir in der Tat sehr aufmerksam sein müssen und unsere Zuchtfreunde bei derartigen Problemen unterstützen müssen, sofern diese eine vernünftige und unserem Hobby gerechte Haltung der Tiere betreiben. Parallel hierzu ist es erforderlich, auf den offiziellen Wegen von einer reinen „maßorientierten“ Auslegung des TVT-Merkblattes wegzukommen. Dabei sind weder die TVT noch die DLG/WRSA-Leitlinien rechtlich bindend!“.

Man kann diesem Resümee uneingeschränkt zustimmen, muss aber die Frage stellen: was ist denn eine vernünftige und unserem Hobby gerechte Haltung der Kaninchen?

Und damit sind wir wieder bei unserem Thema: Haltungs- und Stallhygiene!

 

Tierhygiene umfasst alles, was der Bewahrung der Gesundheit des Tieres dient. Sichere Hygienekenntnisse erleichtern die Gesundheitspflege und dienen ihr. Ziel der Hygienemaßnamen ist es, Krankheiten zu vermeiden und damit den Gang zum Tierarzt überflüssig zu machen. Das erfüllt im besten Sinne die Anforderungen an ein Qualitätssicherungssystem.

 

Es geht nicht mehr darum, Fehler zu beseitigen, sondern darum, durch gewissenhafte Planung, gründliche Überlegung bei Stallbau und Einrichtung sowie kontinuierliche Pflege-, Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen Fehlervermeidung zu betreiben, durch Kontrolle auf allen Stufen des züchterischen Prozesses Abläufe zu optimieren und damit Gesundheit, Vitalität und Fortpflanzungsgeschehen sowie die Aufzucht zu sichern. Dies allein gibt dem Züchter die Sicherheit und Zufriedenheit, tatsächlich alles getan zu haben, was für eine tierart- und tierschutzgerechte Haltung von Rassekaninchen erforderlich ist. Dies ist aber auch seine ethische Verpflichtung gegenüber dem Mitgeschöpf Tier, das keineswegs allein eine abstrakte Freizeitgestaltung ermöglicht mit dem Ziel, Pokale und Meisterehren zu erringen.

 

1) Der Stall

 

Mit der Stallhaltung ist eine Vielzahl von Gesundheitsgefahren verbunden. Die Anhäufung vieler Tiere gleicher Art und Anfälligkeit für dieselben Infektions- (Ansteckungs-) und Invasions- (parasitären) Krankheiten auf engem Raum stellt eine ernstzunehmende Gefahr da. Das wird schon dadurch deutlich, dass die Tiere am gleichen Stallplatz ihr Futter bekommen, Kot und Harn absetzen, ihre Jungen gebären und aufziehen. So wird z.B. durch die Ausdünstung und Atmung und durch die Zersetzung von Kot und Harn die Stallluft stark belastet. Deshalb sollte gerade die Luftbeschaffenheit unsere besondere Aufmerksamkeit verdienen. Natürlich unterscheiden sich die Gegebenheiten in Kaninchenaußenställen von denen in Innenställen.

Der Stall soll als dauernder Lebensraum allen Vitalansprüchen der Kaninchen gerecht werden. Insbesondere soll er Schutz vor allen nachteiligen Witterungseinflüssen wie Wind, Kälte und Nässe bieten. Gesundheitsfördernd wirken in erster Linie Licht, frische und reine Luft, im Winter Sonne, in den heißen Sommermonaten (Juli, August) genügend Schatten und Luftbewegung sowie ausreichende Bewegungsmöglichkeiten in trockenen, geräumigen Ställen.

 

 

1a) Der Bauplatz

Schon die Wahl des Bauplatzes ist für die Erhaltung der Stallhygiene von Bedeutung. Der Baugrund soll trocken sein und über dem höchsten Grundwasserstand liegen. Die Stallwandseiten (bei Innenställen), die Tiere und Futter aufnehmen sollen, müssen die Windrichtung und die Sonneneinstrahlung berücksichtigen. In Anbetracht des Wärmehaushaltes im Stall ist gegen eine nach Südosten gerichtete Hauptfensterfront nichts einzuwenden. Dasselbe gilt für die Ausrichtung von Außenställen. Somit würden auch die bei uns üblichen Westwinde von der Stallhauptfront ferngehalten werden.

Gegen eine nach Westen gerichtete Stallfrontseite spricht deren starke Erwärmung im Sommer bis zum Abend, die als Folge unweigerlich Fliegen anlockt, die dann nach Sonnenuntergang in den Stall einwandern.

 

 

1b) Die Stallgröße

Die Stallgröße richtet sich nach der Zahl der aufzunehmenden Kaninchen und der dafür erforderlichen Boxen. Üblich ist auch in der Rassekaninchenzucht die Haltung in Einzelboxen. Dadurch sind unseres Erachtens die Voraussetzungen für die Gesunderhaltung der Tiere und eine gewissenhafte Zucht gegeben. Die Boxen werden übereinander und nebeneinander angeordnet, wodurch Etagen- und Reihenställe entstehen.

Für den ambitionierten Rassekaninchenzüchter sollte der Stall mindestens 30 bis 40 Einzelboxen umfassen – ein Mehr ist immer besser – lässt es doch eine gewisse Stallreserve zu.

Im Laufe der fünf Jahrzehnte eigener Zuchterfahrung habe ich Stallanlagen mit bis zu 300 Einzelboxen bei Züchtern gesehen. Dies ist aber wohl doch die Ausnahme. Die Mehrzahl der Züchter besitzt 30 bis 50 Boxen.

 

Die meisten kennen die Mindestgrößen für Kaninchenställe, ich will sie hier aber nochmals für die Rassen nennen (siehe TVT):

 

 

 

Breite (cm)

Tiefe (cm)

Höhe (cm)

Große Rassen

110

80

70

Mittelgroße Rassen

85

80

60

Kleine Rassen

70

75

60

Zwergrassen

65

70

50



 

1c) Außen/Innenstall

 

Im Freien errichtete Außenställe besitzen keine schützenden Umbauten. Während Seitenwände, Boden und Decke meistens aus festem Holz gebaut sind, ist die durch Drahttüren abgegrenzte Vorderseite offen. Die Vorteile der Außenställe sind einleuchtend. Bessere Belichtung, günstige Luftverhältnisse, eine der Umwelt angepasste Luftfeuchtigkeit. Außenställe tragen ohne Frage zur Festigung der Konstitution bei. Die Tiere werden widerstandsfähiger und bilden ein besseres Fell aus. Natürlich benötigen die Tiere bei niedrigen Außentemperaturen zur Aufrechterhaltung des intensiveren Stoffwechsels gehaltreicheres Futter. Bei außen stehenden Ställen ist darauf zu achten, dass sie Schutz gegen Wind, Regen und zu starke Besonnung bieten. Stallkaninchen sind Halbschattentiere und sollten nicht der direkten Sonne ausgesetzt werden. Deshalb sollte bei Außenställen das Dach so weit vorspringen, dass es Schutz vor Wind, Schlagregen, Sonne und Schnee gewährleistet. Die Vorteile der Innenställe liegen auf der Hand. Hier ist der Schutz vor Witterungseinflüssen für Tiere und Züchter gesichert. Wichtig ist aber die Erzielung eines angemessenen Stallklimas.

 

1d) Stallraum und Klima

 

Der Stallraum wird in unterschiedlicher Weise von seinem Standortklima beeinflusst. Die Richtung der Hauptfensterfront ist für die Erhaltung eines hohen Wärmestandes der Stallluft im Winter als auch zur Vermeidung einer zu hohen Erwärmung im Sommer von großer Bedeutung.

Um eine ausgiebige Durchlüftung zu gewährleisten, müssen Eintritts- bzw. Austrittsstellen der Luft möglichst weit voneinander entfernt liegen. Der senkrechte Abstand ist für die Aufstiegswirkung der Luft, der senkrechte und waagerechte Abstand für die Durchlüftung aller Teile des Raumes von größter Bedeutung. Die ständig wirksame Wärmequelle der Tiere sorgt für eine ununterbrochene Vertikalbewegung der Luft.

Völlig unabhängig vom Wärmestrom und vom Wind ist die Entlüftung durch mechanisch betriebene Ventilatoren (Zwangsentlüftung) Die Zwangsentlüftung ist so einzurichten, dass je kg Besatz 1 bis 5 Kubikmeter Luft je Stunde regelbar umgewälzt werden. Dabei ist bei der Luftführung darauf zu achten, dass in den Käfigen keine Zugluft auftritt. Die optimale Temperatur sollte möglichst zwischen 13 und 20 Grad Celsius liegen. Im Häsinnenstall sollten Temperaturen zwischen 18 bis 21 Grad Celsius erreicht werden. Die Ausgeglichenheit der Temperatur ist besonders wichtig; deshalb sollten alle krassen Temperaturschwankungen vermieden werden soweit dies in den jeweiligen Stallanlagen möglich und beeinflussbar ist. Die relative Luftfeuchtigkeit sollte 55% nicht unterschreiten und 70% nicht überschreiten. Zu hohe wie auch zu niedrige Luftfeuchtigkeit fördert die Disposition zu Krankheiten. Zu trockene warme Luft reizt die Schleimhäute der Atmungsorgane und stellt einen wichtigen Faktor für die Anfälligkeit der Kaninchen dar.

Dass Kaninchen keine große Lichtintensität brauchen, wurde bereits erwähnt. Vor allem grelles Licht sollte vermieden werden. Die Fensterflächen sollten lediglich 1/20 der Stallfläche ausmachen. Bei einem geschalteten Lichtprogramm sollte der Lichttag etwa 14 Stunden pro Tag dauern. Dies ist für die Fruchtbarkeit im Herbst und Winter besonders wichtig.


 

1e) Inneneinrichtung

 

Die Einrichtung der Ställe sowie die Unterbringung des Gesamtinventars sind überlegt und nach Hygieneprinzipien auszuführen. Übereinander angeordnete Käfige sollten einen genügenden Bodenabstand von etwa 35 cm aufweisen. Im Regelfall stehen nur 3 Boxenreihen übereinander, da eine 4. obere Reihe kaum einzusehen ist und sowohl bei der Reinigung als auch bei der Fütterung erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Bei Riesenkaninchen sind lediglich 2 Boxenreihen übereinander zu empfehlen, um alle Arbeitsvorgänge bequem durchführen zu können. Die Futternäpfe und Tränkeeinrichtungen sollten nach Möglichkeit nicht am Boden, sondern an den Wänden platziert werden, damit jede Verunreinigung unterbleibt. Wichtig ist, dass Wasser- und Futternäpfe leicht herauszunehmen und zu reinigen sind. Die seit längerem auf dem Markt befindlichen V2A-Schalen in unterschiedlicher Größe sind ausgezeichnet geeignet.

In zunehmendem Maße findet man auch bei den Rasse-kaninchenzüchtern die strohlose Aufstallung. Die Ställe sind mit leicht zu reinigenden Kunststoffwannen und darüber befindlichen Sitzgittern oder Gitterrosten (aus Plastik) ausgestattet. Hier kommen die Tiere mit ihrem eigenen Kot kaum in Berührung, und somit ist hier eine wirksame Vorbeugung gegen Coccidien- und Wurmerkrankungen gegeben. Bei einer derartigen Aufstallung ist allerdings für eine ausreichende Raufuttergabe (Heu) zu sorgen.

Wie von der TVT empfohlen ist eine einstreulose Haltung auf perforierten Böden bei Nachttemperaturen unter 10 Grad Celsius nicht zulässig.

 

 

 

 

 

 

stallhygiene 02 stallhygiene 03 stallhygiene 04

stallhygiene 05 stallhygiene 06 stallhygiene 07

 

 

2. Reinigungs- und Pflegemaßnahmen

 

Die wichtigste Voraussetzung für die Erzielung einer ausreichenden Stallhygiene ist Sauberkeit. Deshalb müssen in regelmäßigen Abständen Boxen und Geräte, aber auch der Stallraum einer gründlichen mechanischen Reinigung unterzogen werden. Hier ist eine wöchentliche Reinigung allgemein üblich. Die Reinigung der Ställe beginnt mit dem Ausmisten, wobei Kot und mögliche Einstreu auf den Dunghaufen verbracht werden. Danach werden Stallwände, Fußboden und Decke gründlich abgefegt, verbleibender Schmutz wird abgekratzt bzw. mit Wasser besprengt. Jetzt folgt eine Reinigung mit der Handbürste und möglichst heißem Wasser. Hier ist der Zusatz eines schmutzlösenden Mittels wie z.B. 5% Soda äußerst wirkungsvoll. Bei größeren Stalleinheiten ist auch der Einsatz eines Hochdruckreinigers möglich. Diese Form der Nassreinigung verbindet das Aufbringen von heißem Wasser mit Druck auf alle zu reinigenden Flächen. Der Erfolg dieser Reinigungsmaßnahmen (beim Hochdruckreiniger) ist vom ausreichenden Arbeitsdruck (in der Regel 100 – 120 Atü) und dem geeigneten Abstand zu den Reinigungsflächen (10-30 cm) abhängig. Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass sehr häufig die sorgfältige Reinigung von Hand mit der Bürste zu einer höheren Keimreduzierung führt als der Einsatz der oben genannten Geräte.

 

3. Desinfektion und Hygiene

 

Hygiene ist biologische Sauberkeit und Ordnung. Weder eine „gute Ordnung“ noch das Einhalten einer „optisch wahrnehmbaren, chemischen Sauberkeit“ sichern allein hygienisch einwandfreie Bedingungen. Die biologische Sauberkeit und Ordnung setzt eine rein optisch, äußerlich ordnende Norm zwingend voraus, zielt aber eigentlich auf den unsichtbaren mikrobiologischen Bereich ab. Darunter sind Bakterien, Viren, Sprosspilze und Protozoen zu verstehen. Hygiene ist nicht teilbar. Hygiene ist ein Bündel von Maßnahmen, die sich ergänzen. Während ein vernünftiges Stallbaukonzept mit dem richtigen Stallinnenklima (wie oben ausführlich geschildert) eine wichtige Grundvoraussetzung für Hygiene ist, die Reinigungsmaßnahmen die Mikroorganismen lediglich abschwemmen bzw. reduzieren, jedoch nicht vernichten, sichert die Desinfektion allein die biologische Sauberkeit und damit die größtmögliche Keimfreiheit der Stallflächen und Geräte.


 

Desinfektion

 

Ist die gezielte Entkeimung mit dem Zweck, die Übertragung bestimmter unerwünschter Mikroorganismen durch Eingriffe in deren Struktur oder Stoffwechsel, unabhängig von deren Funktionszustand, zu verhindern. Für das Erreichen des Desinfektionsziels – Freimachen von Krankheitserregern – ist das konsequente Einhalten der vorgeschriebenen Gebrauchskonzentration der Desinfektionsmittel von ausschlaggebender Bedeutung. Die Empfindlichkeit von Mikroben gegenüber Desinfektionsmitteln geht bei der Unterschreitung der bakteriziden Konzentration verloren. Die Resistenzbildung steigt mit dem Verlust der Empfindlichkeit. Die wirkungsvollste Waffe gegen selektive Wirkung und eventuelle Resistenzbildung liegt also nicht im Wechsel des Desinfektionsmittels sondern im Einhalten der vorge-schriebenen Anwendungskonzentration und sogar in zeitweiliger Konzentrationserhöhung.

Anhand der Erreger der RHD beim Kaninchen – nämlich der Caliciviren – lässt sich veranschaulichen, wie sehr diese Viren über größere Zeiträume in der Umwelt hochansteckungsfähig sind. Diese Widerstandsfähigkeit (Tenazität) bedeutet, dass das Virus bei + 25 Grad Celsius dreieinhalb Monate und bei + 4 Grad Celsius sogar siebeneinhalb Monate lebensfähig und infektiös ist (Rolle, Mayer 1984).

Welches Problem auch bakterielle Infektionen darstellen, kann am Beispiel des ansteckenden Schnupfens aufgezeigt werden, der durch Pasteurellen, Bordetellen und Mycoplasmen verursacht wird. Nach Holubek (2005) stellen hier klinisch erkrankte, aber besonders auch latent infizierte Kaninchen eine große Gefahr dar. Schmidt und Holubek (2001) konnten nachweisen, dass der Anteil an Bordetellen auf der Nasenschleimhaut von klinisch gesunden Kaninchen von 7,4% (beim Einstallen) auf 23% nach Ende einer Ausstellung anstieg. Bereits 1984 habe ich im Deutschen Kleintierzüchter in dem Artikel „Gefährden Großschauen die Gesundheit unserer Kaninchen?“ auf das hohe Infektionsrisiko derartiger mehrtägiger Veranstaltungen hingewiesen.

 

stallhygiene 08   stallhygiene 09

 

 

stallhygiene 10


 

3a) Desinfektionsmittel

 

Ein Desinfektionsmittel, das gegen alle Krankheitserreger wie Bakterien, Viren, Parasiten und Pilze wirkt, ist nicht verfügbar. So ist es erforderlich, das Mittel zu wählen, das den jeweiligen Bedürfnissen gerecht wird. Deshalb stehen im Einsatz gegen die verschiedenen Krankheitserreger unterschiedliche Mittel zur Verfügung. Einen Überblick über die aktuellen Desinfektionsmittel, ihren Wirkungsbereich, die notwendige Konzentration sowie die Einwirkungszeiten ermöglicht eine von der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) veröffentlichte Liste der nach den Richtlinien der DVG geprüften und als wirksam befundenen Desinfektionsmittel. (Stand: 12. Desinfektionsmittelliste (Mai 2003) mit einem Nachtrag vom Juli 2006).

 

3b) Desinfektionsdurchführung

 

Vor dem Einsatz des jeweiligen Desinfektionsmittels ist die Gebrauchsanweisung zur Anmischung gründlich zu studieren und eine exakte Konzentration herzustellen. Ebenfalls sollte schon vorher die erforderliche Lösungsmenge für den Stall berechnet werden. Pro 3-4 qm Stallfläche rechnet man 1,2–1,6 Liter der fertigen Desinfektionslösung. Außerdem sollte man beachten, dass die Einwirkungszeit jedes Desinfektionsmittels zwischen 1 – 2 Stunden beträgt. Dies ist besonders für die Wiederbelegung der Ställe von Bedeutung.

Die zu desinfizierenden Stallflächen müssen nach der Nassreinigung trocken sein, um jeden Verdünnungseffekt des Desinfektionsmittels zu vermeiden.

Die Anwendungskonzentrationen gehen von einer Stalltemperatur von 20°C aus. Jede höhere Stalltemperatur ist für die Desinfektion günstiger. Allerdings muss auch berücksichtigt werden, dass bei Stalltemperaturen unter 20°C die Einwirkungszeit automatisch länger werden muss. So ist bei einer Temperatur von 12°C die doppelte Einwirkungszeit des Desinfektionsmittels erforderlich.

 

Für das Aufstellen von Hygieneplänen und für die gezielte Desinfektion gelten folgende Grundregeln:

 

  • Desinfektion ist gezielte Entkeimung.
  • Desinfektion ist nur nach vorheriger gründlicher Reinigung

möglich.

  • Desinfektion verhindert Verluste.
  • Desinfektion kann nur durch die richtigen, auf den Bedarfsfall abgestimmten Desinfektionsmittel verwirklicht werden.
  • Desinfektion ist deshalb sinnvoll, zweckmäßig und notwendig.


 

4. Die Entwesung (Desinfestation)

 

Unter Entwesung versteht man die Vernichtung des Ungeziefers. Hierzu gehören alle Schädlinge, die Menschen bzw. Tiere befallen, wie Lagerschädlinge (Käfer, Mehlmotte, Milben), Vorratsschädlinge aus der Familie Rodentes (Ratten und Mäuse) sowie alle Arten von Insekten (Fliegen, Mücken etc.). Zur Vermeidung von Futterschädlingen kommt der Futterlagerung eine wichtige Bedeutung zu. Das Futter sollte in festen, leicht zu reinigenden Futtertonnen aufbewahrt werden. Zur Bekämpfung von Insekten bietet der Handel eine Vielzahl von Kontaktinsektiziden an. Zusätzlich sollten die Ställe im Sommer durch Fliegengaze geschützt werden. Gerade die Bekämpfung des Ungeziefers kann zur Erhaltung der Stallhygiene einen ganz wesentlichen Beitrag leisten, sind doch gerade Insekten und Schadnager in vielen Fällen Träger von Krankheitserregern.

 

Schlussbetrachtung

 

In einer sich ständig verändernden, von den Medien geprägten Gesellschaft ist das Verständnis für die Haltung von Kaninchen im Rahmen der Rassekaninchenzucht keineswegs gestiegen. Ist bei der älteren Generation noch zumindest die Erinnerung da, dass Großvater oder Vater nach dem Krieg auch Schlachtkaninchen gehalten haben, so schwinden die Kenntnisse bei der jüngeren Generation, die keinen Kontakt zur Rassekaninchenzucht hat, fast völlig. Bisweilen stößt man auf völliges Unverständnis, wenn man aus züchterischen Erfordernissen 30, 40 oder gar 60 Rassekaninchen hält. Geschärft ist dagegen das Bewusstsein für tierschützerische Aspekte.

 

Rassekaninchenzucht findet in einem gesamtgesellschaftlichen Rahmen und nicht isoliert statt. Deshalb sind wir gefordert, alles zu tun, um eine sachgemäße Haltung von Kaninchen zu garantieren. Neben der Fütterungs- und Zuchthygiene, die ein eigenes Kapitel darstellen, sind zur Erzielung einer optimalen Stallhygiene drei Faktoren ausschlaggebend:


Ein klar durchdachtes Stallkonzept

  • Regelmäßige, gründliche Reinigungsmaßnahmen
  • Desinfektion und Entwesung.

 

Bei Einhaltung dieser Forderungen steht einer erfolgreichen Rassekaninchenzucht nichts mehr im Wege.

Copyright Dr. med. vet. Michael Berger


 

© 2006-2017 Landesverband Westfälischer Rassekaninchenzüchter e.V. | JV2.5.8